Demokratie in der Massenunterkunft: das Flüchtlingsparlament von Markt Schwaben

Überforderte Behörden, Ehrenamtliche am äußersten Limit, Flüchtlinge, deren Alltag von Unselbstständigkeit und Zukunftsangst bestimmt ist: keine gute Mischung. In einer Massenunterkunft im oberbayerischen Markt Schwaben hat sich nun ein Parlament gegründet, das den Flüchtlingen eine demokratische Stimme gibt: das Flüchtlingsparlament.

Wie die Süddeutsche berichtet, leben in Markt Schwaben in einer Turnhalle 260 Männer aus verschiedenen Ländern. Vor einigen Wochen eskalierte eine Situation, so die Süddeutsche, aufgrund einer Kleinigkeit – wie das in den Massenunterkünften häufig geschieht, weil die Menschen mit den Nerven am Ende sind. Die Polizei musste kommen und zwei Männer in andere Unterkünfte verlegen.

Wer das Parlament daraufhin in Gang brachte, ist im Artikel nicht zu erfahren. Doch es funktioniert so: jede in der Turnhalle vertretene Nation wählt ganz demokratisch, in geheimer Wahl, einen Nationensprecher – egal, ob 15 oder 50 Menschen aus seinem Land in der Halle untergekommen sind.

Diese Nationensprecher bilden das Parlament, das sich trifft, um Dinge zu besprechen, die alle in der Turnhalle betreffen: z. B. den eklatanten Mangel an Tellern, an Duschen oder an Möglichkeiten, ihre Handys wieder aufzuladen. Ein Parlamentsmitglied beschreibt seine Aufgabe so:

„“Wir vom Parlament wollen die Probleme in der Halle gemeinsam lösen, sagt der 28-Jährige. „Und wir sind das Ventil, damit es nicht kracht.““

Und wenn es sich, wie in Markt Schwaben, herausstellt, dass bspw. an der Duschsituation aktuell nichts geändert werden kann, dann sieht die Aufgabe der gewählten Parlamentarierer so aus:

„“Ich gehe jetzt zu jedem einzelnen und erkläre, warum das gerade nicht anders geht“, sagt der 40-Jährige. Dass es diese Probleme in ganz Deutschland gibt, und dass es Zeit brauche, das wolle er seinen Leuten vermitteln. Seit er im Amt sei, mahne er zur Geduld. Dass es keinen Grund zur Panik gibt, sagt er seinen Leuten dann, und dass sie sich zusammenreißen sollen. „Das“, sagt Imran, „das ist hier meine Aufgabe.““

Doch das ist längst nicht alles. Ein Flüchtlingsparlament vermittelt den Geflüchteten außerdem die Grundwerte einer Demokratie. Etwas, das viele von ihnen höchstens vom Namen her kennen.

Demokratie, so lernen sie hier, bedeutet zwar nicht, dass automatisch alles besser wird. Doch sie bedeutet, dass sie alle eine Stimme haben, die gehört wird. Eine Stimme, die jemand ernst nimmt und deretwegen sie nicht verfolgt oder bestraft werden. Eine Stimme, die selbst bei schlechten Voraussetzungen einiges bewirken oder verändern kann. So berichtet ein Flüchtling nach nur zwei Parlamentssitzungen in der Süddeutschen:

„“Jetzt fühlt sich anders an“, sagt er. Und ja, es gebe keine Prügeleien mehr, weniger Streit, „weil die Nationensprecher dann sofort eingreifen und vermitteln“.“

Ein Tipp zum Schluss: Sollten Sie ein solches Parlament in einer Unterkunft anregen, dann ist es unerlässlich, auch die Frauen einzubeziehen. Viele von ihnen kommen aus Ländern, in denen ihr Leben lang ausschließlich Männer über sie bestimmten, in denen sie selbst nie eine Stimme hatten.

Da sie hier aber in einem demokratischen Land mit gesetzlich festgeschriebener Gleichberechtigung sind, müssen die geflüchteten Frauen auch in den Massenunterkünften dieselbe Chance bekommen wie die Männer: eine eigene Stimme, die gehört wird.

Geben Sie nicht gleich auf, wenn die geflüchteten Frauen sich dies vielleicht noch nicht zutrauen oder Männer sich dagegen sperren sollten. Die Frauen haben ein Recht darauf. Wer dieses Recht noch nie hatte, mag es schwierig finden, sich daran zu gewöhnen. Wer es immer hatte, mag vielleicht nicht einsehen, warum er seine Macht plötzlich teilen muss. Solche Umdenkprozesse brauchen Zeit.

Mehr zum Flüchtlingsparlament in der Turnhalle von Markt Schwaben können Sie auf sueddeutsche.de lesen.

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