Weihnachtsgeschenke für Flüchtlingskinder – warum Geschenke im Schuhkarton nicht immer eine gute Idee sind

Bald wird vielerorts wieder darüber nachgedacht, wie man den Geflüchteten, insbesondere den Flüchtlingskindern, eine Freude zu Weihnachten machen kann. „Weihnachten im Schuhkarton“ und ähnliche Aktionen werden bald wieder starten. Doch ist das nicht immer eine gute Idee.

Der Gedanke, dass die eigenen Kinder Geschenke bekommen, andere Kinder, die fast gar nichts besitzen, aber nicht, treibt viele Menschen um. Irgendwann entstand die Idee, den Flüchtlingskindern in großen Sammelaktionen Geschenke zu kaufen oder zu basteln und sie ihnen in Schuhkartons o. Ä. verpackt zu überreichen. Manche kaufen kein Spielzeug, sondern packen Päckchen mit Notwendigem, mit Kleidung, mit Mäppchen für die Schule oder mit bunter Seife und Kinderzahnpasta.

Schuhkartons sind oft nicht individuell gefüllt

Das scheint perfekt für Vereine oder Firmen, die etwas Gutes tun und sich engagieren wollen, aber keine Zeit für ein längeres Engagement haben. Sie alle trägt der warmherzige Gedanke, diesen Kindern, die Schlimmes durchgemacht haben, Freude zu schenken. Sie genauso zu behandeln wie die eigenen Kinder und ihnen das gleiche Strahlen ins Gesicht zu zaubern, das man von den eigenen Kindern kennt.

Doch ist dieser Gedanke vielleicht zu sehr aus der Sicht der Schenkenden gedacht. Denn die großen Schuhkarton-Sammlungen sind nur selten individuell auf das einzelne Kind oder die geflüchtete Person zugeschnitten. Sie kaufen etwas, ohne zu wissen, ob diese wirklich damit etwas anfangen können. Wenn man den Gedanken weiterführen möchte, dann kann ein solches unpersönliches Geschenk auch ein weiterer deindividualisierender Baustein auf einer Flucht sein, bei der der einzelne Mensch nichts zählt, oft nur eine Nummer unter vielen ist.

Flüchtlingskinder sind nicht viel anders als einheimische Kinder

Vielleicht kennen Sie aber auch dies aus eigener Erfahrung: längst nicht jedes Geschenk lässt Sie vor Freude aus der Hose hüpfen – manches legen Sie beiseite und überlegen, wem Sie es weiterschenken könnten oder wie Sie es möglichst unauffällig entsorgen können. Als Kind aber haben Sie vielleicht bittere Tränen der Enttäuschung vergossen, egal, wie gut gemeint das Geschenk vielleicht war.

Flüchtlingskinder sind da nicht viel anders als einheimische Kinder: sie haben sehr individuelle Vorlieben und Wünsche. Vor ihrer Flucht hatten sie ja schon ein ganz normales Kinderleben, das sich oft gar nicht so sehr von dem der einheimischen Kinder hier unterschied. Bloß, weil ihnen hier alles Essentielle fehlt, heißt das nicht, dass sie sich nicht auch sehnlichst etwas ganz Individuelles (und aus Sicht der Erwachsenen vielleicht völlig Unnötiges) wünschen.

Was, wenn man Geschenke nicht individualisieren kann?

Nun ist es jedoch aufgrund der Unterbringung in Erstaufnahme-Einrichtungen oft gar nicht möglich, Geschenke lange im Voraus zu planen, die Eltern oder die Kinder nach den Wünschen zu fragen. Zu schnell kann es sein, dass die Kinder längst woanders untergebracht wurden, wenn es zur Geschenkübergabe kommen soll. Was könnte man also tun, wenn man Geschenke nicht individualisieren kann?

Ich habe im vergangen Jahr einige vielleicht hierfür passende Ideen kennengelernt, z. B.:

  • Mini-Decki, die selbstgemachte Kuscheldecke für die kleineren Kinder und Babys
  • das Verschenken von Teddys, den großen Tröstern in allen Lebenslagen
  • Gutscheine für Spielzeugläden (bei älteren Kindern für eine Buchhandlung, einen Sport- oder Kleiderladen, ein Schreibwarengeschäft, eine Drogerie, eine Guthabenaufladung fürs Handy o. Ä.)

Aber vielleicht kommen Ihnen auch noch ganz andere Ideen, wie Sie die Unmöglichkeit eines individuellen Geschenks umgehen und dennoch Freude schenken können.

Es müssen aber nicht immer Geschenke sein

Doch es müssen eigentlich gar nicht immer Geschenke im Schuhkarton sein. Das Weihnachtsfest hat ja ursprünglich einen ganz anderen Sinn, eine ganz andere Botschaft.

Hinzu kommt, dass es vielen Flüchtlingen schwerfällt, Geschenke anzunehmen, wenn sie selbst gar nichts zurückgeben können. Sich über so viele Monate wie Bittsteller_innen fühlen zu müssen, kann für viele Menschen sogar demütigend sein. In dem Wunsch, etwas möglichst Gleichwertiges zurückzugeben, geben manche sogar ihr ganzes Geld für Gegengeschenke aus, statt für wirklich Notwendiges.

Also könnten Sie z. B. statt einer Geschenkesammlung mit den Menschen in den Massenunterkünften zusammen ein großes Fest feiern. Sie könnten es gemeinsam vorbereiten, zusammen kochen und backen, ein großes Büffet mit typisch deutschen, weihnachtlichen und internationalen Leckereien füllen, einen großen Raum ein bisschen weihnachtlich (z. B. mit vorab gemeinsam selbst Gebasteltem) dekorieren und zusammen Lieder aus Deutschland und den Ländern der Flüchtlinge singen. Es müssen ja nicht nur Weihnachtslieder sein.

Zeit- und Kontaktspenden statt Schuhkartons

Vielleicht können Sie auch eine religionsübergreifende oder säkulare Andacht organisieren. Sie könnte durch hiesige Seelsorger_innen und Geflüchtete in mehreren Sprachen gehalten werden. Themen zwischen Besinnung, Frieden, Hoffnung und Zukunft, die uns alle gleichermaßen betreffen, gibt es ja reichlich. Die Texte könnten Übersetzer_innen in die verschiedenen Sprachen übersetzen und ausgedruckt verteilen, damit sie alle verstehen können. In einer Erstaufnahmeeinrichtung in Villingen-Schwenningen wurde zu Weihnachten bspw. die Weihnachtsgeschichte in vier Sprachen vorgelesen.

So helfen Sie nicht nur den Kindern, sondern auch den Eltern. Denn sie alle (auch Sie als Ehrenamtliche) können so vielleicht für ein paar Momente ihren elenden Alltag in der Massenunterkunft vergessen und eins der wichtigsten deutschen Feste kennenlernen. Und die Gemeinschaft eines großen Festes, an dessen Vorbereitung alle beteiligt waren, stärkt alle Beteiligten, bringt sie näher zusammen und kann ein sehr viel beeindruckenderes und nachhaltigeres Erlebnis sein als ein liebevoll ausgesuchtes und verpacktes, aber leider total uncooles Geschenk. Spenden Sie also in diesem Jahr vielleicht einmal Zeit und persönlichen Kontakt.

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