Was kann ehrenamtliches Engagement für Flüchtlinge bewirken?

Angesichts der Flüchtlingsströme und der vielen Abschiebungen geraten ehrenamtliche Helfer_innen immer wieder an ihre Grenzen. Manche fragen sich erschöpft, was ihr „bisschen“ Engagement denn schon bewirken kann. Zum Beispiel das hier:

Vor 16 Jahren, im Jahr 1999, bat eine syrische, christliche Familie in der südbadischen Stadt Rheinfelden um Asyl. Sie war, berichtet die Oberbadische, über die Türkei geflohen. Dann kam sie, so die Badische Zeitung, mit falschen Pässen nach Deutschland.

In einem SWR1-Interview berichtet die Tochter, Fabronia Murad, der Grund der Flucht sei gewesen, dass der Vater für den syrischen Geheimdienst habe arbeiten sollen, sich aber geweigert habe, korrekte Informationen über andere Christ_innen weiterzugeben. Als dies herauskam, sei er seines Lebens nicht mehr sicher gewesen. Eine Geschichte, die die Behörden ihm nicht glaubten. Sie lehnten den Asylantrag ab.

Die Tochter erzählt weiter, dass die Familie sich seit ihrer Ankunft mehrere Jahre lang zu fünft ein Zimmer im Asylbewerberheim teilen musste. Fabronia Murad kam in die 7. Klasse der Hauptschule und verstand zunächst kein Wort. Doch ihre Mutter, sagt sie, habe dafür gesorgt, dass sie und ihre Brüder sehr viel „büffeln“ und Deutsch lernen mussten.

Ihre Lehrerin hingegen habe ihr nicht zugetraut, nach der Hauptschule auch noch die Mittlere Reife zu schaffen, doch sie schaffte noch viel mehr: sie machte Fachabitur und wollte schließlich studieren.

2005 kam jedoch der Bescheid, dass der Asylantrag der Familie abgelehnt worden war. Die Familie tauchte unter und versteckte sich einen Monat lang bei verschiedenen Freunden. Schließlich bat sie bei der örtlichen katholischen Kirche um Kirchenasyl – es wurde ihnen gewährt.

Die Kinder hatten in dieser Zeit von den Behörden die Zusage bekommen, nicht abgeschoben zu werden, auch die volljährige Tochter, die kurz vor dem Schulabschluss stand. Ihre Eltern, berichtet Fabronia Murad, hätten jedoch in all diesen Monaten nicht einmal vor die Tür gehen können aus Angst, abgeschoben zu werden.

Doch die Familie wurde mit ihrem Schicksal nicht allein gelassen, sagt sie im SWR1-Interview:

“Die Menschen aus Rheinfelden haben uns unterstützt. Ohne sie würde ich heute hier nicht sitzen.“

Angefangen hatte diese ehrenamtliche Unterstützung damit, wie sie erzählt, dass die Mitschüler_innen ihres Bruders nach dem Untertauchen der Familie mit dem leeren Stuhl des Bruders zum Rathaus gegangen sind und dort zusammen mit anderen Bürger_innen demonstriert haben. Andere haben Spenden für sie gesammelt.

Und die Bürger_innen stemmten eine zwei Jahre andauernde, tägliche Mahnwache aus, wie sie sagt, zwischen 30 und 100 Menschen. Diese Mahnwache, schreibt die Badische Zeitung, hatte schließlich Erfolg, und die Familie durfte 2007 wieder ins Asylbewerberheim ziehen.

Sie alle haben mittlerweile eine unterschiedlich lange Aufenthaltserlaubnis, die Tochter eine unbefristete. Die Söhne sind heute erwachsen, einer macht eine Ausbildung, um dann zu studieren, der andere arbeitet.

Nun ist dies vielleicht kein typisches Beispiel für das heutige ehrenamtliche Engagement für Flüchtlinge – dennoch ist es, wie ich finde, ein wunderbares Beispiel dafür, was die Hilfe bewirken kann, was passiert, wenn Geflüchtete nicht einfach ihrem Schicksal überlassen werden, sondern eine breite, solidarische Unterstützung aus der Bevölkerung bekommen.

Denn Fabronia Murad, der die Lehrerin nicht einmal die Mittlere Reife zutraute, hat mittlerweile Biochemie studiert und arbeitet derzeit an ihrer Promotion.

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