Warum die Begleitung von Flüchtlingen ab dem ersten Tag so wichtig ist

Nicht alle sind schwerst traumatisiert, doch sie alle haben Schlimmes durchgemacht. Sie sind in der Fremde, sprechen die Sprache nicht, kennen die Kultur und die Regeln nicht. Warum für sie alle die Begleitung ab dem ersten Tag so wichtig ist, erklärt dieses Video.

Eigentlich geht es in diesem Video darum, was die Art der Unterbringung für die Flüchtlinge und ihre psychosoziale Gesundheit bedeutet. Doch für ehrenamtliche Helfer_innen sind auch andere Aspekte besonders interessant.

Viktor Klassen (Sozialarbeiter am Zentrum für Integrative Psychiatrie [ZIP] in Kiel) und Hajo Engbers (Psychologe) haben viele Jahre Erfahrung mit traumatisierten Flüchtlingen. Klassen war selbst Flüchtling, kam vor über 30 Jahren nach Deutschland. Und er sagt in diesem Video aus dem Jahr 2014 aufgrund seiner eigenen Erfahrung etwas sehr Wichtiges, nämlich:

„[…] dass sich Deutschland seit mindestens 35 Jahren Gedanken über Willkommenskultur macht und das auch gut macht.“

Hajo Engbers erklärt im Anschluss, aus welchen Gründen auch und gerade die Art und Weise der Unterbringung der Flüchtlinge ein entscheidender Faktor für die seelische Gesundung insbesondere der traumatisierten Flüchtlinge ist.

„Wie und wo ich wohne, ist permanent präsent. Das bestimmt ganz zentral den Alltag. Andere Belastungen, sogar traumatische Erfahrungen können zumindest zeitweise verdrängt werden, und man kann sich davon ablenken. Aber wie ich lebe, wie ich wohne, das ist immer konkret, und zwar jetzt und aktuell. Deshalb ist die Art und Weise, wie die Menschen wohnen und wohnen müssen zentral wichtig.“

Fragen Sie sich selbst einmal: könnten Sie mit Menschen auf engem Raum zusammenleben, die Sie nicht kennen, die Sie nicht verstehen können, die Sie vielleicht nicht einmal mögen, und die Sie immerzu stören?

Engbers sagt weiter:

„Das ist die [ganz subjektive] Sicht, auf die wir uns einlassen müssen, wenn wir mit Menschen zu tun haben oder über Unterbringungskonzepte nachdenken. […]

Jeder Flüchtling, der nach Deutschland kommt, muss erst mal ankommen, sich einfinden, wieder Halt bekommen. Es geht um zentrale Sicherheitsgefühle, um eine neue Lebensperspektive und um Integration in eine neue Welt. Und da spielt die Art der Unterbringung eine sehr wichtige Rolle. […]

Je größer eine Gemeinschaftsunterkunft ist, je fremdbestimmter die Menschen wohnen, je totaler die Institution der Unterbringung ist, […] je mehr Kontrolle ausgeübt wird, je größer ist die Gefahr, dass Machtverhältnisse entstehen, dass Ängste um sich greifen, dass eine feindselige Atmosphäre entsteht, die durch Frustrationen und Ohnmachtsgefühle bestimmt wird. Und je mehr kommt es zu Konflikten, Auseinandersetzungen, Übergriffen und auch zu Gewalt.“

Als Kernprobleme identifiziert der Psychologe u. a. die Isolation der Flüchtlinge, die fehlende Teilhabe, die mangelnden Selbstbestimmungsmöglichkeiten und, wie er sagt, „teilweise krank machende Wohnbedingungen“. Dazu kämen fehlende Infrastruktur und mangelnde Unterstützung.

Daraus entstünden Resignation und eine innere, psychosoziale Instabilität, die nicht zuletzt große gesellschaftliche Kosten nach sich zöge. Deshalb sollte Integration gleich am ersten Tag beginnen – heißt: deshalb ist die Hilfe gerade auch in den Erstaufnahme-Einrichtungen von ganz entscheidender Bedeutung.

Hier können Sie das gesamte Video sehen:


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