Traumata überwinden – mit Hilfe psychosozialer Beratung durch andere Flüchtlinge

Viele Flüchtlinge sind traumatisiert und benötigen dringend psychologische Hilfe, um wieder Selbstsicherheit erlangen, die schlimmen Erfahrungen überwinden und wieder am Leben teilnehmen zu können. Doch hat kaum jemand eine Chance auf einen Therapieplatz. Diese Lücke möchte nun ein Selbsthilfe-Projekt zu füllen versuchen: mit Flüchtlingen.

Der Verlust der Heimat, der Familie und des Freundeskreises, der Arbeit und all dessen, was ihr Leben einst ausgemacht hat, das Erleben von Verlassenheit und Gewalt – all das bedeutet für Flüchtlinge oft einen traumatischen Verlust innerer und äußerer Sicherheit. Viele verstehen nicht, was da genau mit ihnen passiert und warum sie heute so anders sind als früher. Um sich wieder stabilisieren und ein gutes Leben führen zu können, benötigen Tausende eine Therapie. Doch die Wartezeiten auf einen Therapieplatz sind jetzt schon unendlich lang.

Das Projekt Ipsocontext arbeitet bereits erfolgreich in dem seit Jahrzehnten kriegsgeschüttelten Afghanistan. Für ihr Engagement dort erhielt die Gründerin Ingeborg Mißmahl-Grusche 2013 den Verdienstorden des Landes Baden-Württemberg.

Laut einem Bericht auf Spiegel Online will die Psychoanalytikerin nun Flüchtlinge dazu ausbilden, andere Flüchtlinge bei der Heilung zu unterstützen. In einem TED-Talk erklärt sie, worum es in Afghanistan geht:

Ihre Herangehensweise möge europäisch sein, sagt sie dort. Doch das, was Krieg uns Menschen antun könne, die Art und Weise, wie Gewalt uns verletze, sei universell. Eine Afghanin habe ihr gesagt:

„Weil Sie mich erspürt haben, kann ich mich selbst wieder spüren.“

Mißmahl-Grusche sagt weiter:

„Der Schlüssel ist Mitgefühl. Jemand muss erfahren, was ihnen passiert ist, jemand muss nachfühlen können, was sie fühlen, jemand muss sie sehen und ihnen zuhören.“

Es ist ein kultursensibler, psychosozialer Beratungsansatz, den Mißmahl-Grusche verfolgt. Und mit diesem Ansatz möchte sie, so der SpOn-Artikel, nun in Deutschland Flüchtlinge zu psychosozialen Berater_innen ausbilden:

„Jetzt wollen Missmahl und ihre Mitstreiter das Modell nach Deutschland holen – und hier Flüchtlinge, die einen medizinischen oder psychologischen Hintergrund haben und am besten Arabisch oder Farsi sprechen, drei Monate lang intensiv schulen, damit sie ihren Landsleuten helfen können. […] hier gibt es viel zu wenige psychologische Helfer für die vielen Flüchtlinge – und vor allem zu wenig Personal, das die Sprache der Asylbewerber kennt und ihre Kultur. Dieses Wissen ist aber oft nötig, damit sich Menschen öffnen.“

Aktuell haben Flüchtlinge schon die Möglichkeit, sich online Hilfe zu suchen: Mit dem Projekt Ipso-e-care bietet das Team in mehreren Sprachen (Deutsch, Englisch, Französisch, Persisch, Arabisch, Russisch und Türkisch) in geschützten Online-Räumen Beratung an. Sie schreiben auf ihrer Website:

„Es ist unser Ziel, Menschen zu befähigen, ihre Probleme und Konflikte zu lösen, sich weiter zu entwickeln und funktionale, fruchtbare Beziehungen mit ihren Familien, Freunden und wichtigen Menschen aufzubauen und in der Lage zu sein, ihr Leben auf der Grundlage eigener Werte beeinflussen und auszurichten zu können.“

Auf betterplace.org wirbt das Projekt um Geld für die Ausbildung von psychosozialen Berater_innen.

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