So können Flüchtlinge aktiv werden

Immer wieder fragen mich Flüchtlinge, wie sie selbst aktiv werden können. Denn für die meisten von ihnen sind das erzwungene Nichtstun, die Langeweile und die Unsicherheit auf Dauer unterträglich, wenn sie doch nichts weiter wollen, als sich ein normales, selbstbestimmtes Leben in Frieden aufzubauen. Deshalb stelle ich hier ein paar Ideen vor, wie Flüchtlinge aktiv werden können.

Viele dieser Ideen lassen sich mit wenig Aufwand realisieren und können die Ehrenamtlichen auf lange Sicht entlasten. Denn sie nehmen die Flüchtlinge selbst in die Verantwortung.

Für die Ehrenamtlichen bedeutet dies: Verantwortung abzugeben, auch mal fünfe gerade sein zu lassen, und sich die häufig so dringend benötigten Helfer_innen gleich aus den Reihen der Geflüchteten zu rekrutieren.

Für die Flüchtlinge bedeutet es, sich gleich von Anfang an mit Selbstverantwortung und Demokratie vertraut zu machen, die bisherigen Deutschkenntnisse aktiv anwenden zu können und das normale Leben in Deutschland kennenzulernen. Und sie müssen, was vielen von ihnen ein Anliegen ist, auf diese Weise nicht immer nur nehmen, sondern können auch einmal etwas zurückgeben.

Hier also ein paar Ideen, wie Flüchtlinge aktiv werden können:

Flüchtlingsparlament

In diesem Artikel habe ich beschrieben, wie in einer Turnhalle in Markt Schwaben bereits ein Flüchtlingsparlament entstanden ist. In der Massenunterkunft wurde aus jedem Land ein Abgeordneter gewählt, der als Sprecher fungiert und bei Abstimmungen im Namen seiner Landsleute abstimmt.

Flüchtlinge in Sprecherfunktionen

Wenn nicht gleich ein ganzes Parlament gewählt wird, können Sprecher_innen schon vieles bewirken, z. B. können sie für mehr Ruhe und Frieden im Heim sorgen, die Kommunikation zwischen Flüchtlingen und Hauptamtlichen in Gang bringen oder auch die Ehrenamtlichen entlasten. Denkbar wären z. B. Stockwerksprecher_innen und/oder Sprecher_innen für Alters-, Geschlechts- und Interessensgruppen.

Flüchtlinge als Beauftragte

Warum sollten nur die Ehrenamtlichen den Fahrradverleih und die Werkstatt koordinieren und leiten? Warum nicht die Flüchtlinge selbst, als Fahrradbeauftragte z. B.? Gleiches gilt für

  • Kleiderkammer,
  • Sachspendenkoordination,
  • Eventplanung (Feiern, Konzerte, Lesungen usw.),
  • Heimverschönerung,
  • Essensplanung,
  • Putz- und Ordnungsdienste,
  • gemeinsame Sport- und Hobbygruppen,
  • Sprachlerngruppen usw.

Flüchtlinge als Ansprechpartner_innen

In vielen Massenunterkünften fehlt es an hauptamtlichem Personal, und die Ehrenamtlichen können diese Lücken nicht alleine ausfüllen. Deshalb entsteht in vielen Heimen Unzufriedenheit, weil vieles unklar ist und bleibt: an wen soll man sich wenden, wenn einem etwas auffällt, wenn etwas passiert ist, wenn etwas kaputt ist oder man Fragen hat?

Hier könnten Flüchtlinge als Ansprechpartner_innen fungieren, die für ganz bestimmte Bereiche im Haus zuständig sind. Sie nehmen die Fragen, Beschwerden und Wünsche an und geben sie entweder an die zuständigen Stellen weiter oder kümmern sich gleich selbst darum. Da kann es um

  • Sauberkeits- und Reparaturarbeiten gehen oder um
  • Auskünfte,
  • Verteilung von Stadtplänen und anderen Informationen,
  • Aufklärung über das Bedienen von Maschinen (z. B. Waschmaschine und Herd),
  • Materialausgabe, oder auch um
  • Stadtführungen,
  • Erstbegleitung zu Terminen,
  • das Bilden von Bus-/Bahn-Fahrgemeinschaften für Neue usw.

Flüchtlinge als Integrationshelfer_innen

Wie in einem Artikel auf zeit.de beschrieben, können Geflüchtete, die schon länger hier sind, neu angekommenen Geflüchteten dabei helfen, sich hier zurechtzufinden. Sie können als Bindeglied zwischen Verwaltung und Geflüchteten fungieren und einen Kommunikationsfluss gewährleisten. Denn eine Stadtverwaltung weiß nicht automatisch, was Geflüchtete benötigen, und umgekehrt wissen Geflüchtete oft nicht, an wen sie sich wenden können. Wer also schon länger vor Ort ist, könnte auf diese Weise als Integrationshelfer_in aktiv werden.

Volunteering/Ehrenamtliche Hilfe durch Flüchtlinge außerhalb

Viele Organisationen und Institutionen suchen händeringend freiwillige Helfer_innen und wären froh, wenn sich welche auch in den Reihen der Geflüchteten finden würden. Das könnte z. B. sein:
  • Gassigehen, Tierbetreuung etc. im Tierheim,
  • Besuche in Altersheimen, gemeinsames Spazierengehen mit Gehbehinderten, Karten- oder Brettspiele spielen usw.,
  • älteren, alleinlebenden Menschen beim Einkaufen und Kochen helfen, Gesellschaft leisten,
  • Unterstützung der Trainer_innen in Schwimm- und Sportvereinen,
  • als Guides oder Aufsicht in Museen aushelfen (wie z. B. in Berlin),
  • in Ökologiestationen, bei Naturschutzorganisationen helfen,
  • in Jugendfreizeitheimen und Stadtteiltreffs aushelfen,
  • der Gemeinde bei bestimmten Tätigkeiten helfen (wie z. B. in Ritterhude)
  • usw.

Flüchtlinge als Bufdis

Seit Dezember 2015 sind auch Asylberechtigte und Asylbewerber_innen mit guter Bleibeperspektive für den Bundesfreiwilligendienst zugelassen. Die sogenannten „Bufdis“ verpflichten sich dabei, anders als bei normaler ehrenamtlicher Arbeit, auf einen bestimmten Zeitraum. Sie können in vielen unterschiedlichen Bereichen unterkommen, von Pflegeeinrichtungen über Museen bis Sportvereinen. Informationen für Geflüchtete als Bufdis finden Sie hier.

Flüchtlinge in Ein-Euro-Jobs

Vielerorts sind Flüchtlinge schon in Ein-Euro-Jobs aktiv, z. B. bei Ordnungsämtern oder Bauhöfen, für die sie Parks sauberhalten, beim Baumschnitt oder bei Umweltschutzmaßnahmen helfen, bei der Tafel usw. Auskünfte über Voraussetzungen, Arbeitsorte und offene Stellen können Sie bei Ihrer Kommune oder direkt bei den JobCentern bekommen.

Flüchtlinge als Stadtführer_innen

Zeigen Sie anderen Menschen – Geflüchteten, Einheimischen und Tourist_innen – Ihre Stadt. Machen Sie einen Stadtrundgang und erzählen Sie Ihre Geschichte: Woher kommen Sie? Wie sind Sie hierher gekommen? Was haben Sie auf der Flucht erlebt? Wie sind Sie in diese Stadt gekommen? Was erleben Sie hier?

In Berlin gibt es ein solches Projekt (s. Artikel auf Spiegel Online), in dem Geflüchtete die an der Stadtführung Teilnehmenden für ihre Geschichte, für die Ursachen ihrer Flucht und dafür sensibilisieren, wie es ist, in Deutschland ganz neu anfangen zu müssen. Die Touren finden auf Englisch statt.

Wenn Sie weitere Ideen und Praxisbeispiele für Aktivitäten von Flüchtlingen haben, melden Sie sie mir gerne.

 

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