Flüchtlinge in den Alltag mit einbeziehen – z. B. Lebendiger Adventskalender

„Es bricht mir das Herz“, sagt „Mama Inge“. Der Widerspruch eines ihrer Schützlinge gegen seine Abschiebung scheiterte. Bis heute weiß sie nicht, wo er ist, ob es ihm gut geht oder ob er überhaupt noch lebt. „Er hat nie eine Deutschstunde versäumt – aber so einen schieben sie ab!“

An der Bürokratie verzweifeln viele, nicht nur jene, die abgeschoben werden, sondern auch ihre Helfer_innen. „So schwer es ist, aber man muss sich daran gewöhnen“, sagt Wolfgang Steen von Nestwerk, einem Verein in Hagen im Bremischen, der sich seit 20 Jahren für Flüchtlinge engagiert. „Wir müssen uns immer wieder klarmachen, dass wir ihnen nur den Moment freundlich gestalten können. Auf den Rest haben wir leider meist keinen Einfluss.“

„Mama Inge“ kümmert sich seit einem Jahr um die Flüchtlinge in ihrem Dorf, das zur Gemeinde Hagen i. Br. gehört. „Das macht so viel Freude!“, sagt sie. „Es sind wirklich nette junge Männer, und sie sind für jede Hilfe sehr dankbar.“ Und als sie vor kurzem hörte, dass noch ein Tag im „Lebendigen Adventskalender“ frei war, übernahm sie diesen Termin sofort. Der „Lebendige Adventskalender“ wird von der evangelischen Kirchengemeinde gestaltet: an jedem Dezembertag vor Weihnachten gibt es in oder vor irgendeinem der Häuser in den zur Gemeinde zugehörigen drei Dörfern eine kleine Veranstaltung – mal ist es eine kleine Lesung, mal wird gemeinsam gesungen.

„Mama Inge“ – so wird sie von ihren Schützlingen genannt, die aus Somalia und Eritrea stammen. Es sind Christen und Muslime, und die 71-Jährige befand, es sei nicht nur wichtig, dass sie Deutsch lernen, sondern auch, dass sie ins Dorfleben integriert werden. So versammeln sich etwa 20 Dorfbewohner_innen und elf Flüchtlinge vor einer der Flüchtlingsunterkünfte und singen gemeinsam Weihnachtslieder bei Glühwein und selbstgebackenen Keksen. Auch die Flüchtlinge singen spontan ein eritreisches und ein somalisches Lied.

Einige von ihnen, so die Organisatorin, haben eine traumatische Flucht übers Meer hinter sich. Und als sie herkamen, hatten sie nichts. So fuhren sie und weitere Helfer_innen des Vereins Nestwerk die jungen Männer zur Kleiderkammer ein paar Orte weiter, damit sie überhaupt ein bisschen Winterkleidung bekamen. Die Lage ihrer Unterkunft auf dem Dorf, 10 Kilometer vom nächsten Supermarkt entfernt, ist nicht unproblematisch. Im Sommer können die jungen Männer mit den gespendeten Fahrrädern einkaufen fahren. Bei Minustemperaturen ist das unzumutbar.

Nach einem Aufruf des Dorfbürgermeisters fanden sich jedoch einige Helfer_innen, die die Flüchtlinge nun immer an dem Tag, an dem sie ihr Geld von der Gemeinde ausgezahlt bekommen, erst dorthin und anschließend zum Supermarkt fahren. Und nun, dank des Lebendigen Adventskalenders, ist wieder ein kleiner Schritt getan für die Einbindung der Flüchtlinge ins ganz normale Dorfleben.

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